Vision 2027: Die vollautomatische Spinnerei

Die Spinnerei sieht sich – wie viele andere Bereiche der Fertigungsindustrie – einem akuten Arbeitskräftemangel gegenüber. In zahlreichen Regionen können Betriebe aufgrund fehlenden Personals und der damit verbundenen Wissenslücken ihre Kapazitäten nicht voll ausschöpfen, was sich negativ auf Produktivität und Effizienz auswirkt. Ein Problem, das sich künftig weiter verschärfen wird. Automation ist daher ein Muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Rieter plant deshalb, bis 2027 eine vollständig automatisierte Spinnerei zu realisieren.
Die Umwandlung von Stapelfasern zu Garn erfolgt in drei Hauptstufen: Faservorbereitung, Spinnereivorbereitung sowie Endspinnen und Spulen. Die Anzahl der Prozessschritte variiert je nach eingesetzter Spinntechnologie und umfasst – unter Einbeziehung des Kämmens beim Ring-, Kompakt- und Luftspinnen – bis zu zehn Schritte. Diese Arbeit ist anspruchsvoll und kräftezehrend, was die Rekrutierung und Bindung von Arbeitskräften erschwert.
Rieter ist mit den Herausforderungen seiner Kunden bestens vertraut und setzt deshalb schon seit Langem auf die Automation zentraler Prozessschritte. Ein Beispiel dafür ist das Kämmen, das beim Ring- und vor allem beim Kompaktspinnen eine zentrale Rolle für die Garnqualität spielt. Hier konnte Rieter den Personalbedarf reduzieren, indem ein vollautomatisiertes Kämmereiset mit dem automatischen Wickelwechsel- und Wattenansetzsystem ROBOlap in Kombination mit dem automatischen Wickeltransportsystem SERVOlap eingesetzt wird.
Ein weiteres Beispiel ist das Endspinnen. Der Anspinnroboter ROBOspin von Rieter automatisiert beim Ringspinnen die Reparatur von Fadenbrüchen, was den manuellen Aufwand massiv reduziert.
Mehr Automation: Schritt für Schritt
Rieter arbeitet nun Schritt für Schritt darauf hin, den Weg zur vollautomatisierten Produktion im Jahr 2027 zu ebnen. Ein Gesamtüberblick über den Automationsgrad einer Spinnerei ergibt sich, indem die Anzahl qualifizierter Bediener in Relation zu einer definierten Anzahl Spindeln und Kilogramm produziertes Garn pro Schicht gesetzt wird. In einer manuellen Spinnerei braucht es bei einem Kompaktgarn, also einem hochwertigen Standardgarn, heute ungefähr 20.6 Bediener pro 10 000 Spindeln und 1.9 Tonnen Garn pro Schicht. Rieter plant, bis 2027 mit nur drei qualifizierten Arbeitskräften pro 10 000 Spindeln 1.9 Tonnen Garn pro Schicht zu produzieren. Dies entspricht einer Automation von rund 85 Prozent der bislang manuell ausgeführten Tätigkeiten.
Mit den folgenden Automationstechnologien, die Rieter an der ITMA 2025 in Singapur präsentierte, können Kunden ihre Prozesse bereits heute produktiver gestalten:
- effizienter Ballentransport mittels fahrerlosem Transportsystem,
- flexibler Transport von Kannen der entsprechenden Grössen zwischen den Maschinen mittels fahrerlosem Transportsystem und
- Verpackungslösungen, inklusive Dämpfen, Verpacken, Palettieren und Etikettieren.
Dieser Zwischenschritt verringert die Anzahl erforderlicher qualifizierter Bediener: Für 10 000 Spindeln werden statt 20.6 nur noch 5.6 Bediener benötigt.
Ein bedeutender Fortschritt ist die Automation des Kannentransports, denn dieser übernimmt körperlich belastende Aufgaben und sorgt so für eine spürbare Entlastung des Bedienpersonals im gesamten Spinnereiprozess. Gleichzeitig steigert er die Prozesssicherheit und die Effizienz im Produktionsablauf. Auch die automatisierte Verpackungslinie, vom Einpacken der Garnspule über das Palettieren bis zum Etikettieren, setzt neue Massstäbe: Sie ersetzt zahlreiche manuelle Tätigkeiten durch hochpräzise, vollautomatisierte Abläufe. Diese neuen Automationslösungen ermöglichen einen Einstieg in die Vollautomation und erleichtern die Arbeit in der Spinnerei massgeblich. Gleichzeitig schaffen sie wertvolle Erfahrungswerte für den weiteren Wandel hin zur vollautomatischen Spinnerei.
Vision 2027: Vollautomatisierter Produktionsprozess

2027 kündigt sich ein Meilenstein in der Textilautomation an: die Präsentation einer vollständig automatisierten Referenzanlage. Die Vision reicht weit über herkömmliche Ansätze hinaus. Herzstück dieser Anlage ist ein vollautomatisierter, integrierter Produktionsprozess mit intelligenten, digital vernetzten Systemen. Bereits beim Rohmaterial setzt die Automation an: Das aufwendige und potenziell gefährliche manuelle Entfernen der Stahlbänder an den Ballen wird durch robotergestützte Lösungen ersetzt. Und sie endet bei der verpackten Garnspule, die versandbereit das Werk verlässt.
Automation und Digitalisierung gehen dabei Hand in Hand. Die Nutzung der digitalen Plattform ESSENTIAL von Rieter sichert die volle Kontrolle über die Automationslösungen und ermöglicht die lückenlose Rückverfolgbarkeit sämtlicher Prozessschritte. Alle relevanten Daten werden hier erfasst und stehen in Echtzeit zur Verfügung. Diese Transparenz ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil, insbesondere im Hinblick auf die Rückverfolgbarkeit textiler Produkte.
Rentable Investition mit Weitblick
So faszinierend modernste Robotertechnik, digitale Vernetzung und autonome Systeme auch sind – am Ende zählt eine Frage: Lohnt sich die Investition? Die Antwort fällt eindeutig positiv aus. Die Einführung vollautomatisierter Systeme ist eine strategische Investition in Effizienz, Qualitätssicherung und Zukunftsfähigkeit. Die Betriebskosten, namentlich Personalkosten, Fehlerkosten, Ausschuss und Stillstandszeiten, machen über den Lebenszyklus einer Anlage einen deutlich höheren Anteil aus als die initiale Investition in die Technologie.
Automation reduziert die Abhängigkeit von personellen Ressourcen, sichert reproduzierbare Qualität und ermöglicht stabile, planbare Produktionsprozesse, unabhängig von Schichtbetrieb oder Standort. Spinnereien, die auch künftig wettbewerbsfähig bleiben wollen, setzen deshalb schon heute auf Automationslösungen von Rieter. Ab 2027 können sie mit Rieter ihre Betriebsprozesse vollständig automatisieren und damit ein neues Kapitel bezüglich Effizienz und Performance aufschlagen.